Angela Vanini

Mit der Sonne Neapels im Herzen zum Ziel

Wenn Angela Vanini einen Pinsel in der Hand hält, blüht sie auf. Dann ist es, als würde die Sonne Neapels über den Dächern der Ostalb aufgehen. Gerne interpretiert sie die Klassiker neu, wie den »Schrei«. Auf anderen Gemälden findet sich der Hase von Joseph Beuys. Seit Beginn des Krieges in der Ukraine, versucht sie diesen Wahnsinn auf die Leinwand zu bringen. Wenn sie heute die Farben sprechen lässt, tut sie es als echte Künstlerin. Also eine mit Diplom. Aber beginnen wir von vorn.

 1964 wurde sie in Sontheim an der Brenz als fünfte von sieben Kindern geboren. Ihr Vater Automechaniker, ihre Mutter zu Beginn noch Hausfrau, später arbeitete auch sie in der Fabrik. Beide kamen 1962 als Gastarbeiter nach Deutschland. Per Liste wurden damals die Ankömmlinge in München auf die Landkreise verteilt, um am darauffolgenden Tag sofort mit der Arbeit zu beginnen. Im Alter von 3 Jahren kam sie tagsüber zu einer Pflegefamilie, aufgrund der Schichtarbeit der Eltern. Als die großen Schwestern 15 Jahre alt sind, beginnen auch sie in der Fabrik zu arbeiten. Keiner sei mehr da gewesen, der sich um die Kleinsten kümmert. So entschieden die Eltern, ihre Tochter Angela in ein von Nonnen geführtes, katholisches Waisenhaus in Neapel zu bringen, auch damit das Kind die italienische Sprache lerne.

Diese Zeit habe sie geprägt. Sie lernte Verantwortung zu übernehmen und für andere da zu sein. Gezeichnet habe sie bereits mit sechs Jahren. Eines der Bilder fand bei den Nonnen besonderen Anklang, sie hätten es überall herumgezeigt, auch in den oberen Klassenstufen. Damals sei ihr das peinlich gewesen, aber schlussendlich habe sie diese Unterstützung gestärkt. Diese Anerkennung sei ein Lichtblick in der oft harten und eintönigen und sonst eher gefühlskalten Umgebung des Kinderheims gewesen.

»Das Heim hat mich resilient gemacht«, davon ist sie heute überzeugt. Als die Eltern 1974 zurück nach Neapel kehren, darf auch die Tochter wieder nach Hause. Die »Scuola Media« schloss sie in Italien ab, vergleichbar mit der deutschen Hauptschule. Die Jahre der sexuellen Revolution und die Musik der 60'er Jahre prägten ihre Jugend. Die Literatur habe ihren Horizont erweitert und sie rebellisch gegen die eignen Eltern und gegen das System werden lassen. Rückblickend beschreibt sie diese Phase ihres Lebens, als eine der lebendigsten. Als 1975 der berühmte Regisseur Pier Paolo Pasolini von einem seiner »Ragazzi di vita« ermordet wurde, verarbeitete Vanini ihren Schrecken in einem Bild und gewann damit den ersten Platz eines Zeichenwettbewerb ihrer Schule. Schon damals war für sie klar: »Ich werde Künstlerin«. Ihre Eltern fanden das »bescheuert«, ihr Traum sei unrealistisch. Für den Vater war klar, eine Frau müsse heiraten und Kinder bekommen, ihr Platz sei am Herd.

Doch die junge Angela hatte nie vor zu heiraten. Ihre Eltern erklärten sie deshalb für verrückt. Von da an nannten sie die Tochter abfällig »la Pazza«, die Verrückte. Doch das habe sie nur bestärkt auf ihrem »abtrünnigen« Weg zu bleiben. Ihren Vater beschreibt sie, mit den Händen über dem Kopf und wild gestikulierend, als »autoritär, dominant und altmodisch«.

 

»Ein echter Macho!« Immer wieder habe er betont, dass Frauen keine Schule bräuchten. Für die Tochter ein Grund mehr, diese alten Konventionen über Bord zu werfen. Der Grundstein zur Rebellion gegen autoritäre Institutionen war gelegt. In den Siebzigern und Achtzigern gehört sie zu den Revoluzzern, über die Clique, die sich jeden Tag auf der »Piazza« traf, sagt sie heute: »Das waren Anarchisten.« Passend zur Musik die man hörte. Dafür, dass sie auch mit Jungs um die Häuser zog, habe es zu Hause regelmäßig Schläge gegeben. »Aber das war mir egal«, fügt sie mit einem Lächeln hinzu. Sie sei jeden Tag von zu Hause abgehauen, um diese Leute zu treffen. Revolutionär denkt Vanini noch heute. Dazu gehöre auch, nicht alles zu glauben, klug zu hinterfragen und eigene Schlüsse zu ziehen. Die Opposition sei der wichtigste Part einer Demokratie. Nach dem schweren Erdbeben von Neapel verschlechtert sich auch die wirtschaftliche Lage, die Familie kehrt 1982 nach Deutschland zurück. Auch Angela, damals 18 Jahre alt, die deutsche Sprache nicht beherrschend, ohne Freunde in einem fremden Land, im Gepäck viele Träume. Das südländliche Leben habe sie immer vermisst. Ihre inneren Konflikte konnte sie in ihren Bildern verarbeiten. Den Auszug aus dem Elternhaus genießt sie, ihrer gewonnenen Freiheit frönt sie in einer »Kiffer-WG« in Neresheim. »Wir hörten Pink Floyd, The Doors und Alan Parson«, so Vanini. Sie habe die Wände mit Drachenköpfen bemalt und ihre Freunde mit einer Nähnadel tätowiert. Als sie 1985 schwanger ist, zieht sie nach Aalen und nimmt am Mutter-Kind-Projekt für Alleinerziehende des Landratsamts teil. Durch die dortigen Begegnungen anderer Teilnehmerinnen, habe sie gelernt, dass bezüglich ihrer schulischen Laufbahn noch nicht alles verloren ist und das auch aus ihr noch etwas werden kann. In ihr Tagebuch schrieb sie damals oft: »Das Einzige, das mir immer wieder im Wege steht, ist die Sprache. Ohne Sprache ist man nichts.« Ausdrücken kann sie sich am besten mit Pinsel und Farbe. Von ihrem damaligen Freund bekommt sie Ölfarben und eine Staffelei geschenkt, da ist die 25 Jahre alt. Inspiriert von Picasso und Braque entstanden einige Werke. Sie besuchte Ausstellungen, Museen und Kunstvereine, bewunderte Caravaggio, Raffael und Cezánne. 1989 beginnt sie eine Ausbildung zur Friseurin, die sie auch abschließt mit der Note 2,5. »Besser Friseurin sein, als nichts zu sein«, habe die Sachbearbeiterin im Arbeitsamt damals betont. Doch ihr habe die Faszination gefehlt und so hängt sie den Friseurkittel nach zwei Jahren wieder an den Nagel. Auch eine sechsjährige Zwischenstation bei Zeiss habe sie nicht glücklich gemacht.

Ihr Seelenheil hing allein von der eignen Kunst ab und die war nicht nur Hobby sondern Berufung. Nebenbei macht sie ihren Realschulabschluss, die Prüfung legt sie am selben Tag wie die Tochter ab, beide schaffen es mit Bravour. Dann habe sie im Café Wunderlich den schaffensfreudigen Aalener Künstler Wolfgang Maria Fiala kennengelernt. Und er habe zu ihr gesagt: »Du willst doch nicht etwa für den Rest deines Lebens in einer Fabrik arbeiten, wo liegen denn deine Stärken?«

Für ihn war klar, sie vergeude ihr Talent. Diese Initialzündung bringt Vanini auf die Idee anzufragen, ob im Ostertaggebäude Platz für sie ist. Kurze Zeit darauf beginnt sie, gemeinsam mit anderen Aalener Künstlern im oberen Stock ein Atelier einzurichten. Diese Aktion nannten sie »Danielle«. Man traf sich ein halbes Jahr lang, um gemeinsam kreativ zu sein. Dort seien ihre ersten großen Bilder entstanden. Während einer viertägigen Ausstellung wurden die Werke präsentiert. Später stellte Vanini ihre Kunstwerke auch im Café Wunderlich aus, in Summe waren es zehn und alle habe sie verkaufen können. Ebenso habe sie im Café Podium ausgesellt, ein anderes Mal im Aalener Landratsamt und dessen Gmünder Außenstelle. Doch nicht immer werden ihre Bilder verstanden, so kommt es an einem Ostersonntag zum Eklat: Das Bild »Bermuda Dreieck« wurde mit einer Gardine bedeckt. Es zeigte eine Frau mit kindlichen Zügen auf einer Couch mit gespreizten Beinen sitzend. Kunst darf das. Während dieser Zeit habe sie sich in der Ölportrait-Malerei versucht. »Ich suchte einen bestimmten Ausdruck, den ich nicht in Worte fassen konnte. Ich suchte nach Charakteren, die die Zeit widerspiegelten, in wenigen Worten: ich suchte nach der Natur des Menschen«, erzählt sie. An ihren Platz als italienische Künstlerin auf der Ostalb glaubt sie fest. Ein Highlight war für sie die Manifesta, die europäische Biennale für zeitgenössische Kunst, 2016 in Zürich. In diesem Jahr war das Thema, wie für Vanini geschaffen: »Was machst du, um zu überleben?« Erstmals in ihrer Geschichte wird die europäische Biennale Zeitgenössischer Kunst von einem einzelnen Künstler kuratiert: Christian Jankowski. Fünf der dort ausgestellten Werke stammten von Angela Vanini. Jankowski glaubt an die italienische Künstlerin und fördert sie, ermöglicht ihr ein Gastseminar an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Acht Mal hatte sich Vanini dort um einen Studienplatz beworben. Das erste Mal im Jahr 2001. Dann die Überraschung: im Jahr 2017 wird sie tatsächlich zur Aufnahmeprüfung eingeladen. Und die hat sie dann auch bestanden und war damit immatrikuliert. Im Februar 2022 machte sie ihr Diplom. Als sie es glücklich in den Händen hält, ist sie 58 Jahre alt. In den Jahren dazwischen investierte sie in Semester an privaten Kunstschulen, besuchte Seminare, zeichnete Tausende Skizzen, nahm alle möglichen Jobs an, um das zu finanzieren: von der Putzfrau bis zur Kassiererin. Ihr unbändiger Wille, ihre einzigartige Schaffenskraft, Lebensfreude und positive Art mit den Unwägbarkeiten des Lebens fertig zu werden, bringen sie am Ende zum Ziel. »Man sollte das Leben nicht allzu ernst nehmen«, sagt sie und lacht schallend.